Cartopia Portland

Wort und Bild in Portland

Wer Literatur nur als buchförmigen Text definiert, wird Portland eher nicht weit oben einorden auf der Liste der US-Städte, die für ihre Literaturproduktion bekannt sind. Dabei können Erzählungen viele Formen in verschiedensten Medienkombinationen annehmen. Portlands Comic- und Zine-Szenen machen und unterstützen Kunst, die visuelle und textuelle Elemente zu einem geschlossenen Ganzen kombiniert.

Powell’s: Alles rund ums Buch

Powell's City of BooksDie erste Anlaufstelle meiner Reise ist Powell’s Books, die größte Buchhandelskette der Gegend und in eigenen Worten “die größte unabhängige Buchhandlung der Welt” (Übers. d. Aut.). Ihrem Namen gerecht wird die Hauptfiliale City of Books, die in der 1005 W Burnside Street einen ganzen Straßenblock umfasst. In neun verschiedenfarbigen Bereichen können Besucher/innen neue, gebrauchte und seltene Bücher durchstöbern, sich ein vergriffenes Buch von der Espresso Book Machine™ nachdrucken lassen, sich von den thematisch organisierten Empfehlungslisten im Lesezeichenformat Inspiration holen und im Café lesend entspannen.

Powell’s Books veranstaltet regelmäßig Lesungen mit lokal, national und international bekannten Autor/innen. Am 6. Juni stellt Thi Bui in der Filiale in der Hawthorne Street ihr Comic-Debüt The Best We Could Do (Abrams & Chronicle Books, 2017, bisher nicht auf Deutsch verfügbar) vor. Das Buch erzählt über drei Generationen die Geschichte einer Familie, die vor dem Vietnamkrieg nach Kalifornien flüchtet. Es ist sowohl ein Familienroman als auch eine Beurteilung neuerer Geschichte, die aufzeigt, wie das Leben einzelner Menschen von historischen Ereignissen und ihrer Wahrnehmung in einer bestimmten Kultur beeinflusst wird.

Geschrieben und gezeichnet: Comic-Memoiren

Obwohl ihr Comic autobiographisch ist, weist Thi Bui darauf hin, dass viele Ähnlichkeiten zu den Geschichten anderer vietnamesisch-amerikanischer Menschen bestehen. Ihr Werk hat auch die Funktion, deren Geschichten innerhalb der US-Migrationsliteratur bekannter zu machen. Interessanterweise hatte Bui gar nicht vor, eine Autobiographie zu verfassen, sondern wehrte sich sogar lange dagegen, weil sie sich und ihre Familie nicht auf diese Weise der Öffentlichkeit aussetzen wollte. Letztendlich war es aber der Familienbezug, der die vielen Schichten am besten zusammenhielt.

Bei der Lesung ist auch der Comcibuchautor Craig Thompson anwesend, der besonders für seinen autobiographischen Comic Blankets (Carlsen Verlag, 2009) bekannt ist, einer Geschichte über erste Liebe, Familie und Religion, die in seinem Heimatstaat Wisconsin spielt. Es war einer meiner ersten Comics und ich habe ihn kurz vor meiner Abreise zufällig wiedergelesen. In der Notiz zum Autor hinten im Buch stand, dass er in Portland lebe, aber da das Buch 2003 (in Deutschland 2009) veröffentlicht wurde, ging ich nicht davon aus, dass das noch richtig sei, geschweige denn, dass ich ihm zufällig begegnen würde. Es stellt sich heraus, dass er mittlerweile in LA lebt, aber meine Fragen beantwortet er netterweise trotzdem.

Zum Thema Autobiographie im Comic spricht er von denselben Problemen wie Thi Bui und fügt hinzu, dass ihn damals auch die Sorge beschäftigt habe, dass es eitel sei oder wirken könnte, sein Leben zum Gegenstand von Kunst zu machen. Aber er weist auch darauf hin, dass aus dem Autorenblickwinkel ein deutlicher Vorteil gegenüber der Belletristik besteht: Geschichte und Handlungszusammenhänge sind schon da, was sicherlich dazu beiträgt, dass so viele Erstlingswerke (Auto)biographien sind oder (auto)biographische Züge tragen.

Zines: DIY am Kopierer

Wir denken zwar oft, dass Wort und Bild unterschiedliche Elemente sind, die auch ohne einander auskommen könnten, aber Medien wie Comics zeigen, dass es auch Werke gibt, bei denen die beiden ein untrennbares, geschlossenes Ganzes bilden. Dasselbe gilt für Zines. Zines sind nicht auf Gewinn ausgerichtete Eigenveröffentlichungen, deren Herstellung und Verbreitung wenig kostet und die sich häufig mit Themen außerhalb des Mainstreams beschäftigen. In einer Kultur, in der künstlerische Werke oft beinahe sofort verfügbar, reproduzierbar und nachverfolgbar sind, widersetzen sich Zines dem Trend, indem sie es ihren Macher/innen ermöglichen, günstige physische Produkte herzustellen, auf Wunsch anonym zu bleiben oder eine kleine, engagierte Gemeinschaft mit ihren Leser/innen zu schaffen. Während sie in Deutschland außerhalb alternativer Räume nur wenig bekannt sind, gibt es in den USA eine lebendige Zine-Szene, die für Außenstehende relativ leicht zugänglich ist.

Independent Publishing Resource Center PortlandEin Zentrum der Zineproduktion in Portland ist das Independent Publishing Resource Center (IPRC). Gegen eine geringe Gebühr können Künstler/innen die Geräte zur Herstellung und Vervielfältigung ihrer Zines benutzen. Zudem hat das IPRC eine große Bibliothek mit Zines zu verschiedensten Themen, die wegen der kleinen Auflagen viele seltene Exemplare beinhaltet. Das Zentrum trägt auch zur Organisation des Portland Zine Symposium bei, einem Festival, das jedes Jahr im Juli die Zine-Gemeinschaft zusammenbringt. Während meines Besuchs im Juni stand das IPRC kurz vor einer umzugsbedingten Schließung. Portland boomt, weshalb viele Gegenden zunehmend gentrifiziert werden. Als der Mietvertrag des IPRC auslief, verlangte der Besitzer für die Verlängerung den dreifachen Preis, weil die ehemals industrielle Gegend nun plötzlich angesagt war. Glücklicherweise konnte das IPRC am 1305 SE Martin Luther King Jr Blvd ein neues Zuhause finden.

Portland: Erwartungen und Tatsachen

Diese Entwicklung betrifft sowohl Institutionen als auch Individuen. Das Portland der 1990er, das Künster/innen mit seinen günstigen Mieten anzog, gibt es nicht mehr. Die bärtigen, fahrradfahrenden Männer in Bands, die das Stadtbild immer noch prägen, findet man mittlerweile überall, so dass es schwieriger wird zu sagen, was Portland besonders macht. Die Stadt ist auch ein Ort, an dem Ungleichheit von Arm und Reich deutlicher sichtbar ist als in anderen Städten. An meinem ersten Tag in Portland sah ich eine erstaunlich große Zahl an Menschen mit psychischen Problemen auf der Straße, die offensichtlich nirgendwo anders hingehen konnten. Eine verwirrt aussehende Frau erlitt in einem Hauseingang einen Anfall, während auf der anderen Straßenseite Menschen geduldig für ihren handgemachten Sonntagmorgen-Donut Schlange standen.

Obdachlosigkeit ist ein Problem in allen großen Städten, ob in den USA oder anderswo, und sie vor den Augen der Tourist/innen zu verstecken trägt sicherlich nicht zur Lösung des Problems bei. Obdachlose Menschen in Portland geben zudem an, dass sie hier besser behandelt werden und leichteren Zugang zu Hilfsangeboten hätten als in anderen Städten. Ihre beständige Anwesenheit an öffentlichen Orten haben allerdings dazu beigetragen, mein Bild von Portland als Paradies für sorglose Hipster-Künstler/innen zu revidieren.

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