Stimmen: Marisol García Walls

Marisol García Walls, geboren und aufgewachsen in Mexiko-Stadt, ist Autorin zahlreicher nicht-fiktionaler Texte. Nach dem Erdbeben im September 2017 startete sie zusammen mit Roberto Cruz Arzabal das Projekt Cuéntanos dónde estabas, um die Erlebnisse der Betroffenen zu sammeln und festzuhalten. Hier und hier finden sich zwei ihrer Essays in englischer Übersetzung und hier ein neueres Essay auf Spanisch über die Bedeutung von Objekten für die Erinnerungskultur.

Marisol
© Marisol García Walls

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Neulich habe ich ein Notizbuch gefunden, in dem ich vor 18 Jahren meinen ersten Versuch startete, einen Roman zu schreiben. Damals war ich zehn und las gerade Harry Potter, und die Geschichte ist dem Buch verdächtig ähnlich. Ich habe mich aber ziemlich angestrengt: Ich habe die Seiten nummeriert, „Kapitel Eins“ drübergeschrieben und sogar eine Vignette für das Ende das Kapitels gestaltet. Ein paar Seiten weiter gibt es einen Eintrag, in dem ich meine zwei geheimen Ziele festgehalten habe: Romanschriftstellerin werden – und eine Fee in der Wildnis sehen.

Beim Lesen musste ich schmunzeln: Mittlerweile schreibe ich wohl schon für den Großteil meines Lebens. Aber zu meinem Beruf habe ich das Schreiben erst vor vier Jahren gemacht, nachdem ich an zwei Werkstätten über kreatives Schreiben von nicht-fiktionalen Texten und Essays teilgenommen hatte. Die leitenden Lehrerinnen, Mariana Bernárdez und René Nájera Corvera, haben mich dazu ermutigt.

Was ist das Besondere an der Literaturszene in Mexiko-Stadt?

Mexiko-Stadt ist ein großartiger Ort. An manchen Tagen scheinen fünfzehn Dinge gleichzeitig stattzufinden, und das ist keine Übertreibung. Manchmal kommt es vor, dass ich zu einer Veröffentlichungsparty gehen will und mir deshalb drei andere Veranstaltungen entgehen, weil sie am selben Tag zur selben Uhrzeit in einem anderen Stadtteil stattfinden. Das kulturelle Angebot ist so groß und unterschiedlich, dass man sich klar für und gegen bestimmte Dinge entscheiden muss. Man muss sich einfach eingestehen, dass man in Mexiko-Stadt nicht alles machen kann. Ich weiß nicht, ich habe das Gefühl, dass es hier nicht nur eine, sondern drei verschiedene Literaturszenen gibt. Und die spannendsten Sachen finden nicht mal unbedingt in den gewohnten Formaten statt (Buchpräsentationen, Parties, Konferenzen, Werkstätten usw). Nachdem die Gewalt in Mexiko immer schlimmer wurde, sind viele mexikanische Schriftsteller/innen migriert – hauptsächlich in die USA und Lateinamerika – aber sie sind dem Land immer noch stark verbunden und engagieren sich in interessanten (und manchmal vergeblichen) Gesprächen in sozialen Netzwerken. In einem Satz würde ich vermutlich sagen, dass das Besondere an der Literaturszene in Mexiko-Stadt ihre Fähigkeit ist, sich immer wieder an andere Orte zu begeben und sich dort niederzulassen.

Du bist freischaffende Autorin. Wie sieht ein typischer Tag in deinem Leben aus?

Beim Beantworten dieser Frage ist mir aufgefallen, dass ein typischer Tag in meinem Leben überraschenderweise gar nicht viel Schreibarbeit enthält. Ich verdiene mein Geld damit, Werkstätten in kreativem Schreiben für Frauen zu unterrichten, weshalb ich meine Tage normalerweise damit beginne, Stunden vorzubereiten, Kopien zu machen oder etwas zu lesen, von dem ich weiß, dass es für eine meiner Teilnehmer/innen wichtig sein könnte. Ich arbeite auch als Lektorin für CECLI (Centro de Estudios de Cosas Lindas e Inútiles; zu Deutsch Zentrum für das Studium niedlicher und unnützer Dinge), einer internationalen Plattform, die sich mit Objekten und Alltagskultur beschäftigt.

Wenn ich tatsächlich schreibe, gehe ich meistens vollständig in der Arbeit an einem bestimmten Text auf, weshalb ich sehr viel Zeit investiere – manchmal bis zu acht Stunden am Stück. Deswegen gibt es in meiner Woche idealerweise einen Tag, an dem ich sonst nichts einplane. An diesen „Schreibtagen“ schlafe ich gerne aus und nehme mir viel Zeit, bevor ich den Computer anschalte. Ich finde es leichter, mich auf kreative Tätigkeiten einzulassen, wenn ich sie aneinanderkette, deshalb versuche ich, morgens als erstes zu lesen, an meinen Fotoexperimenten zu arbeiten oder irgendeiner anderen Sache nachzugehen, die mich in eine kreative Stimmung bringt.

Du liest auch viel fremdsprachige Literatur im Original. Wie wirkt sich das auf deine eigenen Werke aus?

Diese Frage hat mich zum Lachen gebracht, weil es tatsächlich zu sehr viel Frustration beim Schreiben führt. Ich schreibe meistens auf Spanisch, habe aber vor kurzem damit begonnen, mit Englisch zu experimentieren. Manchmal will ich eine Satzstruktur aus ein anderen Sprache übertragen (ich lese regelmäßig auf Englisch und Deutsch) und wenn ich merke, dass ich mich nicht ganz genau ausdrücken kann, bin ich oft sehr entmutigt. Nächstes Mal werde ich versuchen, das anders zu machen.

Mehrere Sprachen zu sprechen macht mich nicht nur sehr unabhängig auf Reisen, sondern ist auch die Quelle vieler großartiger Entdeckungen. Eines meiner Lieblingsbücher ist Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand, das ich in Berlin gekauft habe, als ich mit 18 eine Weile dort gelebt habe. Das Buch wurde erst vor kurzem auf Spanisch übersetzt. Ich habe die Übersetzung noch nicht gelesen, aber Franziska Linkerhand war für mich über viele Jahre ein Vorbild für mein eigenes Schreiben.

Nach dem Erdbeben im September 2017 hast du das Projekt Cuéntanos dónde estabas ins Leben gerufen. Um was ging es dabei und wie hat es sich entwickelt?

Am 20. September, einen Tag nach dem Erdbeben, wollten mein Partner und ich in den am schlimmsten zerstörten Gegenden Hilfe leisten. Unser Wohnort war unversehrt, aber wir hatten Freunde in anderen Stadtteilen und wir waren besorgt, berührt und wollten unbedingt etwas tun, so wie viele anderen auch. Allerdings wussten wir, dass es besser wäre, zu Hause zu bleiben: Die Stadt war in einem solchen Chaos, dass die Behörden die Bevölkerung anwies, nicht das Haus zu verlassen. Die große Menge an Menschen, die sich von einem Ort zum nächsten bewegten, wirkten sich nämlich negativ auf die Geschwindigkeit der Krankenwagen und anderer Hilfsleistungen aus.

Das Gefühl von Ohnmacht angesichts der Lage teilten nicht nur wir beide, sondern auch viele andere, weshalb wir dachten, dass es eine gute Idee wäre, eine Website zu erstellen, auf der wir Geschichten darüber lesen und veröffentlichen könnten, wie andere das Erdbeben erlebt hatten. Am ersten Tag hatten wie vielleicht 10 Texte. Mittlerweile sind es ungefähr 360. Es geht darum, diese Geschichten zu sammeln und in einer Karte darzustellen, eine Kartographie des Mitgefühls und der Emotionen, die die Karten mit den Orten, wo das Erdbeben am schlimmsten war, ergänzen. Das Projekt sollte ein ziviler und kollektiver Versuch sein, Erinnerungen zu versammeln, die sich gegen die offiziellen Stellungnahmen richten, dass eigentlich gar nichts passiert ist.

 

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