Beach near Tulum // Strand bei Tulum

Auf der Suche nach Geschichten in Südmexiko

Ich liege auf meinem Bett in einem gut gekühlten Hostelzimmer in Cancún, eine halbgelesene Ausgabe des Popol Vuh neben mir. Das Buch, das den Mythos über die Entstehung der Welt und die Kosmologie der Maya-Quiché erzählt, habe ich in einer „Zu verschenken“-Box bei einer Party im September 2015 mitgenommen, als die Idee, eine Reise durch Kanada, die USA und Mexiko zu unternehmen, langsam Gestalt annahm. Es ist der letzte Tag dieser Reise, ich bin müde und erschöpft davon, ständig unterwegs und umgeben von einer Sprache zu sein, die ich nicht gut beherrsche. Und ich bin frustriert: Während meiner gesamten Zeit in den Staaten Chiapas und Quintana Roo habe ich es nicht geschafft, etwas über zeitgenössische Literatur herauszufinden, die in der Kultur der Maya verwurzelt ist.

Die Maya in Mexiko

In San Cristóbal de las Casas hatte ich noch Hoffnung für mein Projekt. Die Stadt in Chiapas befand sich früher im Westen des von den Maya besiedelten Gebiets, das sich über die gesamte südmexikanische Halbinsel, Belize, Guatemala sowie Teile Honduras‘ und El Salvadors erstreckte. Ein einheimischer Reiseführer bot eine Tour in die Dörfer Chamula und Zinacantán an, wo die Tzotzil, ein von den Maya abstammendes Volk, autonom vom mexikanischen Staat ihren Traditionen entsprechend leben. Straßenschilder und Informationstafeln waren verfasst auf Spanisch, Tzotzil, übertragen in lateinische Buchstaben, und Englisch. Wir erfuhren mehr über die Sozialstruktur der Dörfer, ihren Glauben und ihre Bräuche, ihre typischen Speisen und ihre handgemachten Produkte. Aber außer einigen synkretistischen religiösen Erzählungen wurden keine alte Mythen und ihre Relevanz für die Tzotzil heute erwähnt.

Trilingual plaque in Chiapas // Dreisprachige Infotafel in Chiapas

Da die Gegenwart keine Anhaltspunkte bot, versuchte ich es mit der Vergangenheit und besuchte die berühmten Ruinen von Palenque. Aufgrund der Größe der Ausgrabungsstätte war es schwer zu glauben, dass der weit größere Teil immer noch von Regenwald bedeckt ist. Touristengruppen mit Führer/innen in allen größeren europäischen Sprachen streiften über das Gelände. Es ging um Hieroglyphen, Kriege zwischen unterschiedlichen Maya-Städten, wichtige Könige und ihre kunstvollen Grabmäler. Es ging nicht um Mythen darüber, wie die Menschen aus Mais geformt wurden. Mein Besuch in den Ruinen von Tulum in Quintana Roo war noch weniger informativ: Die direkt am Meer gelegene Ausgrabungsstätte war so klein, dass die vielen Besucher/innen sich manchmal nur in einer Reihe hintereinander fortbewegen konnten. Zugegeben, die Tatsache, dass Tulum hauptsächlich für seine Strände und Wellen bekannt ist, hätte mich daran zweifeln lassen müssen, dass es sich um einen geeigneten Ort für mein Projekt handelt. Ich sprach sehr viel mehr mit Surfer/innen und Langzeitreisenden als Einheimischen, von Schriftsteller/innen ganz zu schweigen.

Auf dem Rückflug nach Deutschland überlegte ich, was ich anders hätte machen können. Die meiste Zeit waren die Orte, die ich während der Reise besuchte, der Einstieg in die Geschichten oder in das Leben derer, die diese erzählen und verbreiten. Aber kann es auch sein, dass der Ort die Geschichte verdeckt? Ich würde ja auch nicht die Akropolis besuchen um herauszufinden, wie zeitgenössische griechische Autor/innen das Erbe der klassischen Antike literarisch verarbeiten. Die räumlichen Erscheinungsformen der Vergangenheit haben oft nur wenig zu tun mit der Lebens- und Schaffenswelt der Künstler/innen von heute. Und nicht jede Kultur drückt sich schreibend aus. Vielleicht haben die Maya hauptsächlich mündliche Erzähltraditionen? Vielleicht wird in der lokalen Sprache von und für diejenigen erzählt, die sie sprechen, um eine gemeinsame Identität zu schaffen, Gemeinschaft zu erhalten und äußeren Einflüssen zu trotzen. Vielleicht ist die Unzugänglichkeit der Erzählungen für Außenstehende beabsichtigt. Wieder zu Hause suche ich im Universitätskatalog nach Büchern über die Geschichte des Mayareiches und die Entwicklungen, die mit der Kolonisierung durch das spanische Königreich begannen und sich bis heute erstrecken. Selbst eine auf die Anthropologie eingeschränkte Suche bringt keine Ergebnisse. Falsche Frage? Falsche Suchbegriffe? Falsche Sprache?

Palenque excavation site // Ausgrabungsstätte in Palenque

Sprache als Schlüssel

Erst, als ich das Internet auf Spanisch durchsuche, stoße ich auf etwas: Wikipedia-Einträge mit Definitionen zur Literatur der Maya vor und nach der Kolonisierung, Vergleiche mit der aztekischen und zapotekischen Literatur, die Namen und Werke international bekannter Autor/innen, die zu den Maya gehören. Ich finde Ermilo Abreu Gómez, 1894 geboren in Yucatán (Mexiko), ein Schriftsteller, Journalist und Dramaturg, dessen Arbeit Sor Juana Inés de la Cruz zurück ins kulturelle Gedächtnis Mexikos brachte. Ich finde Miguel Ángel Asturias, 1899 geboren in Guatemala, Schriftsteller, Diplomat und zweiter Gewinner des Nobelpreises für Literatur aus Lateinamerika, dessen Romane auf den Überzeugungen der Maya fußen und betonen, wie wichtig es ist, indigene Kulturen zu schützen und über sie aufzuklären.

Während diese beiden auf Spanisch schrieben, verfassen viele Maya-Autor/innen von heute ihre Arbeiten in ihren eigenen Sprachen. Wenn sie ein größeres Publikum erreichen wollen, werden ihre Bücher mit einer spanischen Übersetzung versehen. Kontrovers diskutiert wird Subcomandante Marcos, einer der anonymen Anführer der Zapatistas in Chiapas, der ein Kinderbück über Toleranz und Respekt gegenüber Mensch und Natur verfasst hat. Eine renommierte Repräsentantin zeitgenössischer Maya-Literatur ist Marisol Ceh Moo. Sowohl als Professorin als auch als Schrifstellerin ist sie eine leidenschaftliche Vertreterin der Minderheitensprachen in Mexiko. Ihr Werk X-Teya, u puksi’ik’al ko’olel (Teya, un corazón de mujer) ist der erste von einer Frau verfasste Roman in einer Mayasprache.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Wir können uns von Sprachbarrieren davon abhalten lassen, Wissen zu erwerben. Und es gibt Fälle, in denen es gerechtfertigt ist, dass Sprachen zuallererst von den Menschen gesprochen werden, deren kulturelles Erbe mit ihnen verbunden ist. In allen anderen Fällen aber sollte Wittgensteins Zitat eine Motivation sein, mehr Sprachen zu lernen. Denn wenn wir weiterlernen, wenn wir weitersuchen, erreichen wir vielleicht einen Punkt, an dem wir anfangen können, miteinander zu sprechen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s