Private libraries in Biblioteca de México

Literarische Denkmäler in Ciudad de México

Lange Spaziergänge durch Parque Chapultepec und veganes Mittagessen in der Cafeteria eines Hare-Krishna-Tempels – die Erinnerungen an meinen ersten Besuch in Ciudad de México 2014 erwecken einen entspannten Eindruck. Bei meiner Rückkehr ist das anders. Mit 9 Millionen Bewohner/innen im Stadtgebiet und 20.4 Millionen im Umland ist Ciudad de México die einwohnerreichste Stadt Nordamerikas. Der Bus braucht beinahe drei Stunden von den ersten Vororten bis zum Terminal Central del Norte. Nicht nur die Größe der Stadt, auch die Sprache verursacht mehr Probleme als erwartet. Ohne eine/n Mitreisende/n mit guten Spanischkenntnissen sind selbst einfache Alltagshandlungen schwierig und anstrengend. Doch dank Freund/innen und anderen Schriftsteller/innen gestaltet sich mein Aufenthalt trotzdem sehr schön.

Buchhandlungen, Bibliotheken und „cafebrerías“

Den ersten Tag verbringe ich in Buchhandlungen und Bibliotheken in den Vierteln Juárez, Roma Norte und Hipódromo, ein sehr guter Einstieg für alle, die die Sprache eines Landes nicht flüssig sprechen, aber trotzdem einen Eindruck von seiner literarischen Vielfalt bekommen möchten. Zuerst besuche ich Aeromoto, eine winzige Bibliothek in Colonia Juárez, die von vier Freund/innen gegründet wurde mit dem Ziel, ihre privaten Sammlungen zu zeitgenössischer Kunst einem größeren Publikum verfügbar zu machen. Seitdem hat sich der Bestand um Bücher zu Themen wie Literaturwissenschaft, Architektur, Design und Stadtplanung erweitert. Die nächste Anlaufstelle ist das komplette Gegenteil: El Péndulo in Roma Norte ist Teil einer Kette, deren Buchhandlungen über die ganze Stadt verteilt sind. Sie sind sogenannte „cafebrerías“, die neben Büchern, DVDs und Schallplatten im zugehörigen Café und Restaurant auch zahlreiche mexikanische und internationale Gerichte anbieten.

La Increíble Librería

Nur einige Ecken weiter befindet sich La Increíble Librería, eine Buchhandlung mit der Atmosphäre eines Design-Museums. Die Kombination aus seltenen Ausgaben, neuen Publikationen und lustigen Kleinigkeiten ist nett, wirft aber auch die Frage auf, ob man hier überhaupt irgendetwas anfassen sollte. Der letzte Halt auf der Tour ist Under the Volcano im Viertel Hipódromo, benannt nach dem Roman von Malcolm Lowry. Die kleine Buchhandlung im oberen Stockwerk der British Legion führt gebrauchte Ausgaben englischsprachiger Klassiker und Einführungen in die mexikanische Geschichte und Kultur.

Greifbare Verbindungen zwischen Fakt und Fiktion

Am zweiten Tag erkunde ich literarische Denkmäler im historischen Zentrum der Stadt. Es geht los mit Frühstück im Café La Habana, dem Vorbild für Café Quito in Roberto Bolaños Die wilden Detektive. Frisch gepresster Orangensaft und Rührei helfen nicht gerade dabei, sich den Ort als rauchige, schludrige Bar vorzustellen, weshalb ich stattdessen darüber nachdenke, wieso ich eigentlich hier bin. Warum besuchen wir Orte, die berühmte Schriftsteller/innen aufgesucht oder verewigt haben? Für manche ist es eine Art Pilgerfahrt, ein Akt der Verehrung gegenüber ihren literarischen Vorbildern. Andere treibt die Neugierde, sie suchen nach Lebensspuren, nach einer greifbaren Verbindung zwischen Fakt und Fiktion. Für meine Reise begann ich, Die wilden Detektive zu lesen, legte es aber nach einigen Kapiteln weg, genervt von der übermäßig maskulinen Perspektive des Protagonisten. Trotzdem bin ich gern in diesem Café, weil es mit einer Erzählung verbunden ist.

Café La Habana, Ciudad de México

Als nächstes besuche ich die Biblioteca de México. Neben der regulären Bibliothek und einer Buchhandlung kann man im Gebäude auch die privaten Sammlungen von fünf mexikanischen Intellektuellen durchforsten, die das Land im 20. Jahrhundert geprägt haben. Wechselausstellung im überdachten Innenhof zeigen Leben und Werk verschiedener Schrifsteller/innen, Übersetzer/innen und anderer Menschen mit enger Verbindung zur Literatur. Ich stoße sogar auf einen Katalog mit mexikanischen und deutschen Comics and Kinderbüchern, der zur letzten Kinderbuchmesse in Bologna herausgegeben wurde. Draußen auf dem Patio Octavio Paz versammeln sich Besucher/innen für eine Diskussion, die im Rahmen des Lyrikfestivals Di/Verso stattfindet. Die Lyriker/innen Abdellatif Laâbi, Nuno Júdice und María Rivera sprechen über die Schnittstellen von Lyrik und Politik, was mich an die Art & Activism talks beim Verses Festival in Vancouver erinnert. María Rivera spricht sich dafür aus, der andauernden Gewalt in Mexiko Mitgefühl für die Opfer entgegenzusetzen, wofür sie großen Applaus vom Publikum erhält.

Di/Verso - Festival de Poemas

Sor Juana: Mexikos Proto-Feministin

Der letzte Ort, den ich im historischen Zentrum besuche, ist das Sankt-Hieronymus-Kloster. Die außergewöhnlich begabte Denkerin und Schriftstellerin Sor Juana de la Cruz lebte hier von 1669 bis zu ihrem Tod 1695. Bereits im Alter von zwölf Jahren konnte sie fließend Spanisch, Latein und Nahatl, die Sprache der Azteken, sprechen und schreiben. Ihr Einsatz für das Recht auf Bildung für Frauen machte sie weit über die Grenzen der damals „Neu-Spanien“ genannten Kolonie Mexiko bekannt, verursachte aber auch eine Konfrontation mit den konservativen Kräften der katholischen Kirche, die schließlich dazu führte, dass sie ihre Bibliothek aufgeben musste. Sie starb ein Jahr später, als sie sich während einer Pestepidemie bei der Versorgung ihrer Mitschwestern ansteckte. Der Platz hinter dem Kloster ist überraschend ruhig. Man kann Vogelgezwitscher hören. Heute beherbergt das Kloster, das zuerst ein Ort der Freiheit und Kreativität und dann der Unterdrückung und Tragödie war, die Universität Claustro de Sor Juana. Unter den zahlreichen Studiengängen gibt es auch einen in Kreativem Schreiben und Literatur.

The statue of Sor Juana behind the Convent of St. Jerome // Die Sor-Juana-Statue hinter dem St.-Hieronymus-Kloster

Ein Land, in das man immer wieder zurückkehren will

Am letzten Tag spaziere ich durch die Straßen von Coyoacán, einem Viertel im Süden des Zentrums, das hauptsächlich für das Frida-Kahlo-Museum bekannt ist. Es ist Sonntag, viele Menschen genießen den Sonnenschein vor den unausweichlichen Regenschauern am frühen Abend. Ich treffe mich auf einen Kaffee mit Lauren, einer Bloggerin aus Großbritannien, die seit zwei Jahren in Mexiko lebt und über ihre Reisen und Erfahrungen schreibt. Sie ist gerade dabei, ihre Abreise zu planen, um mehrere Monate durch Südamerika zu reisen, aber sie ist sicher, dass sie nicht zum letzten Mal hier sein wird: „Mexiko ist ein Land, in das man immer zurückkehren will.“ Damals war ich sicher, dass ich am Ende meiner zweiten Mexiko-Reise alles Wichtige gesehen hätte und meine Aufmerksamkeit einem neuen Land zuwenden würde. Jetzt, einige Monate später, merke ich aber, dass sie recht hat. Mexiko bietet noch sehr viel Sehens- und Lesenswertes.

 

2 Gedanken zu „Literarische Denkmäler in Ciudad de México“

  1. Schöner Artikel über eine tolle Stadt! Gerade vorige Woche war ich wieder da und natürlich auch zum Frühstücken im Péndulo in der Condesa. Ich glaube, CDMX ist noch für ein ganze Menge weiterer Besuche gut. Ich empfehle dir dringend „First Stop in the New World“ von David Lida — dann steigst du wahrscheinlich gleich wieder in den Flieger 😀

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