Héctor Tobar: In den Häusern der Barbaren

Nach einem üblen Streit über ihre Ausgaben verlassen Scott Torres und Maureen Thompson getrennt ihr Zuhause in den Laguna Rancho Estates. Keiner von beiden informiert ihre Haushälterin Araceli Ramírez, die sich unfreiwillig in der Rolle der Nanny für die beiden Söhne wiederfindet. Drei Tage und einige Missverständnisse später droht Araceli die Deportation, weil sie versuchte, die Kinder zu ihrem Großvater in L.A. zu bringen.

Héctor Tobars Debüt In den Häusern der Barbaren (Piper, 2012, übersetzt von Ingo Herzke) ist nicht nur ein Roman, sondern auch eine aktuelle Sozialstudie des Südens von Kalifornien. Die Figuren stammen aus Mexiko, den USA und ihren Zwischenräumen, aus der Unter-, Mittel- und Oberschicht, arbeiten als Hausangestellte oder Programmierer/innen, sind aktiv in der Politik oder gegen sie. Doch statt sich auf vereinfachende Muster zurückzuziehen, entwirft Tobar komplexe Individuen. Er gibt ihnen die Chance, sich langsam zu entfalten, so dass sie all ihre Facetten zeigen – auch die hässlichen.

Unser Weltwissen prägt unsere Welt

Das gilt auch für die beiden Hauptfiguren Araceli und Maureen. Die Leser/innen lernen viel über sie: Araceli wurde in Mexico-Stadt geboren, wo sie Bildende Kunst studierte, bis ihr das Geld ausging. Maureen wuchs im Mittleren Westen der USA auf und definiert sich nach einer kurzen Phase als Programmiererin hauptsächlich über ihre Rolle als Mutter. Die beiden wissen nur wenig übereinander, obwohl Araceli bei der Familie lebt. Das hält sie allerdings nicht davon ab, sich eine Meinung zu bilden: Für Araceli sind die Torres-Thompsons und die Menschen in ihrem Dunstkreis schlecht gekleidete Angeber/innen, während Maureen Araceli zunächst als loyale Arbeitskraft, später als lauernde Ausgeburt des Bösen betrachtet.

Fehlende Kommunikation gepaart mit Vorurteilen sind der Ursprung vieler Ereignisse im Roman: In L.A. lernt Brandon, der ältere, lesefreudige Sohn, einen Jungen kennen, der von der Familie, bei der er lebt, streng behandelt wird. Da sein Weltwissen auf Fantasy-Büchern beruht, schließt er daraus, dass der Junge wohl ein Sklave ist. Ebenso glaubt ein Polizist mit sehr eingeschränktem Wissen über moderne Kunst, dass die seltsame Phönixskulptur, die Araceli aus Haushaltsmüll gemacht hat, ein Hinweis auf eine psychische Störung sein könnte, und beschließt, im Fall der vermissten Kinder Alarmstufe Gelb zu ordern. Während das erste Beispiel eher lustig daherkommt, zeigt das weite, dass Fehleinschätzungen dieser Art ernsthafte Konsequenzen haben können.

Es gibt keine einfachen Lösungen

Ein möglicher Weg aus dem Dilemma zeigt sich, als die Figuren die Gelegenheit haben, sich von außen zu betrachten: Der Film der Sicherheitskamera lässt Araceli erkennen, dass ihr Verhalten gegenüber den beiden Kindern auf andere durchaus fahrlässig und abweisend wirken kann. Maureen plagt ein schlechtes Gewissen, als sie ihr eigenes Fernsehinterview zum Fall verfolgt. Selbstreflexion könnte also ein Weg zu mehr Einfühlsamkeit sein, doch das Ende des Romans ist wenig optimistisch: Die Familie Torres-Thompson schwört, sich zu ändern, deutlich gemacht an der Entscheidung, in ein kleineres Haus umzuziehen. So wird zwar die Notwendigkeit einer Haushälterin abgeschafft, aber Maureens Einstellung zum Luxus ändert sich nicht. Und auch die guten Aussichten für Araceli lassen unklar, ob die Erfahrung sie verändert hat.

Tobar nutzt einen Einzelfall zur Illustration eines komplexen Problems, ohne einfache Lösungen anzubieten. Obwohl In den Häusern der Barbaren sich gegen Ende etwas zieht, besteht Tobars größter Verdienst in seiner minutiösen Beobachtungsgabe und Detailgenauigkeit, mit denen er sich ruhig und rücksichtsvoll einer hochpolitischen Debatte nähert. Der Roman erzeugt Mitgefühl – sogar mit den Figuren, die es am wenigsten verdienen.

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