© Verses Festival of Words

Zu Besuch beim Verses Festival of Words 2017

Da ich nicht mit den Organisator/innen und Teilnehmenden des Festivals in Kontakt treten konnte, gibt dieser Artikel meine persönlichen Eindrücke während Verses 2017 wieder. Weitere Informationen gibt es auf der Festival-Website und in den Interviews hier und hier (auf Englisch).

„Hey, ich bin A und benutze Pluralpronomen.“ Sie winken in die Gruppe von Menschen, die auf Holzklappstühlen im Hinterzimmer des Havana Cafés sitzen. Die Person neben ihnen macht weiter. „Ich bin B, hallo. Ich benutze weibliche Pronomen.“ Sie schaut nach rechts. „C. Pluralpronomen.“ So geht es weiter, bis sich die ungefähr zwanzig Teilnehmenden vorgestellt haben.

Die Arts & Activism-Gesprächsrunde während des Verses Festival of Words 2017 setzt ein Konzept um, das ich bisher hauptsächlich aus dem akademischen Bereich kenne – Intersektionalität. Das zehntägige Festival in Vancouver umfasste dieses Mal die Hullabaloo-Jugend-Slams, die Launchparty zweier Literaturmagazine, Workshops, Gesprächsrunden, Performances und nicht zuletzt die Canadian Individual Poetry Slam Championships. Am 28. April fanden sich Workshopleiter/innen, Performer/innen und neugierige Besucher/innen in East Vancouver in einem der beiden Veranstaltungsräume auf dem Commercial Drive ein, um sich über die kanadische Poetry-Slam-Szene und die Anliegen marginalisierter Mitglieder auszutauschen.

Kunst und Aktivismus gehen Hand in Hand

Die Runde ist eine von zahlreichen organisatorischen Versuchen, das Festival so inklusiv wie möglich zu machen: Die Veranstaltungsräume sind rollstuhlgerecht, geruchsreduziert, und es gibt Gebärdensprachübersetzung. Jede Begrüßung umfasst den Hinweis, dass die Veranstaltung auf dem Gebiet der indigenen Bevölkerung der Musqueam, Squamish und Tsleil-Waututh First Nations stattfindet, was darauf aufmerksam machen soll, dass europäische Einwander/innen die Stadt Vancouver ohne deren Zustimmung illegal errichteten. Bei den Veranstaltungen schenken zwei „aktive Zuhörer/innen“ jeder Person ein offenes Ohr, die während des Festivals Gesprächsbedarf entwickelt; wenn nötig, können sie diese an Hilfseinrichtungen weiterleiten. Auch Privatsphäre wird sehr ernst genommen – Namen und Identitäten werden nie ohne Zustimmung weitergegeben, was bei mir zu der Entscheidung geführt hat, diesen Artikel ohne Namen und Fotos zu veröffentlichen.

Viele dieser Ideen und Ansätze gibt es auch in Deutschland: Intersektionalität ist im akademischen Bereich weit verbreitet und wird oft an der Universität angewendet; aktive Zuhörer/innen sind Teil vieler Klimacamps; Zugänglichkeit ist ein wichtiges Thema für öffentliche Einrichtungen, insbesondere in der Bildung. Aber ich war noch nie in einem künstlerischen Raum in Deutschland, der all diese Ansätze zusammengeführt hat wie Verses. Das könnte daran liegen, dass ich in einer kleinen Unistadt in Süddeutschland wohne und es noch eine Weile dauern wird, bis uns die Innovationswelle aus Berlin erreicht; aber vielleicht liegt es auch daran, dass die Verbindung zwischen Kunst und Aktivismus in Nordamerika besonders stark ist.

Vielfalt: Wer tritt für wen auf?

Ich muss auch zugeben, dass ich schon seit längerer Zeit nicht mehr regelmäßig zu Poetry-Slams gehe. Als die Szene vor vier oder fünf Jahren den Höhepunkt ihrer Beliebtheit erreichte, wurden die Teilnehmenden normalerweise mit Applaus bewertet. Deshalb bin ich etwas irritiert, als sich jemand zu Beginn der Vorrunde im Café Deux Soleils mit einer Bewertungstafel nähert. „So gibt es seltener Gleichstand“, sagt der Organisator. „Könnten deine Freundin und du bewerten?“

Da die meisten Leute im Publikum selbst Slammer/innen sind, verbringen wir die nächste Stunde damit, die Teilnehmenden innerhalb weniger Sekunden nach ihrer Performance zu bewerten. Obwohl der Slam mit einem „Einstellungspoeten“ eröffnet wird, an dem man die Bewertung ausrichten soll, finde ich es wie während meiner Zeit als Fremdsprachenassistentin unangenehm, Menschen mit Zahlen und ohne jede weitere Erklärung oder Anerkennung ihrer Leistung zu beurteilen. Ich bin froh, als ich nach der ersten Runde des Abends abgelöst werde.

Natürlich ist diese Form der Beurteilung viel schwieriger für die Teilnehmenden. Während der Gesprächsrunde kamen wir auf das Problem zu sprechen, dass viele Slammer/innen die Bewertungen verinnerlichen. Hinzu kommt, dass es meistens im Verhältnis zwischen den Auftretenden und dem Publikum nicht nur ein Ungleichgewicht bei der Anzahl, sondern auch beim Thema Vielfalt gibt: Während die Teilnehmenden verschiedenste Hintergründe haben, ist das Publikum häufig hauptsächlich weiß. Besonders wenn ihre Texte den weißen Status Quo angreifen, befürchten die Poet/innen, deshalb negativ bewertet zu werden, was dazu führen kann, dass sie bestimmte Themen gar nicht erst vorbringen. Außerdem besteht die Sorge, ausgebeutet zu werden oder sich selbst auszubeuten, um einem weißen Publikum zu gefallen, das die Teilnehmenden und ihre Geschichten „exotisch“ findet.

Politik und Schmetterlinge: Spoken Word und Fiktion

Die meisten Slammer/innen tragen während des Festivals Texte vor, die sich mit der aktuellen politischen Lage beschäftigen, Probleme im System aufzeigen, oder den eigenen Kampf gegen Marginalisierung beleuchten. Und obwohl es großartig ist, dass es Raum für diese Geschichten gibt, kamen während der Arts & Activism-Runde auch folgende Fragen auf: Wie schreibe ich übers Glücklichsein? Darf ich das überhaupt, wenn die Welt um mich herum so kacke ist? Verrate ich mit einem fröhlichen Text, beispielsweise über Schmetterlinge, meine Ideale? Zu diesen Fragen, für die leider keine befriedigenden Antworten gefunden werden konnten, möchte ich die folgenden hinzufügen: Wie verhält sich die heutige Spoken Word-Szene zu althergebrachten Erzähltraditionen? Welche Rolle spielt Fiktion in diesem Bereich? Ist hier überhaupt Platz für frei erfundene Geschichten und sollten fröhliche Texte in der dritten Person besser bei einer anderen Veranstaltung unterkommen?

Trotz oder gerade aufgrund dieser Fragen durfte ich während des Festivals hervorragende Slam-Texte erleben. Während der Abschlussrunde am 29. April sitze ich auf der Kante meines Stuhls im Rio Theatre, begeistert und oft den Tränen nah, während die Crème de la Crème der kanadischen Poetry-Slam-Szene lebendige, bewegende und meist extrem politische Texte vorträgt. In Deutschland habe ich aufgehört zu Poetry Slams zu gehen, weil die Themen meistens Liebeskummer (von Frauen vorgetragen), witzige Anekdoten (von Männern vorgetragen) oder ein Mix irgendwo dazwischen waren (meistens von Männern vorgetragener Liebeskummer). Wenn Slams in Deutschland genauso spannend wären wie Verses, würde ich wieder hingehen. Und alle meine Freund/innen mitnehmen.

Ein Gedanke zu “Zu Besuch beim Verses Festival of Words 2017”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s