Seattle: Ein literarisches Portrait

Bevor ich in Seattle ankam, stellte ich mir die Stadt vor allem grau vor. Eintönigkeit und Regen klingen schließlich nach den perfekten Voraussetzungen für die Entwicklung von Grunge in den Neunzigern. Stattdessen erwartete mich Mitte Mai eine Woche voller Sonnenschein und ein breites literarisches Angebot, das der Musikszene der Stadt das Wasser reichen kann. Fachbuchhandlungen wie Ada’s Technical Books, spezialisiert auf Naturwissenschaften, Open Books, eine von vier Lyrikbuchhandlungen in den USA, und Book Larder, die nur Kochbücher führt, bilden ein überraschendes Gegengewicht zu den großen Ketten der Technikgiganten Google und Amazon.

Besuch bei der Buchspirale

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Man muss allerdings kein Geld ausgeben, um in Seattle Rat und Zugang zu Büchern zu bekommen. Die öffentliche Bibliothek zieht eifrige Leser:innen an: Man kann online oder vor Ort suchen, die freundlichen Mitarbeiter:innen an der Information um Rat fragen, den wöchentlichen Blogeinträgen voller Buchempfehlungen folgen oder bei den Vorlesestunden vorbeischauen. Ein Besuch der Hauptbibliothek lohnt sich auch für eine gratis Tour des Gebäudes und seines spiralförmigen Organisationssystems, das vom international bekannten Architekten Rem Kohlhaas designt wurde. Dazu braucht man nur ein Handy (mit US-Nummer) oder einen laminierten Plan, den man an der Hauptinformation im Erdgeschoss abholen kann.

Furchtlose Raumfahrer:innen

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Statt ums Lesen dreht sich beim Space Travel Supply Co. in Greenwood alles ums Schreiben. Wo da die Verbindung ist? Ganz einfach: Die Objekte im Laden regen die Fantasie an und jeder Verkauf kommt der Non-Profit-Organisation zugute, die sich hinter dem Geschäft befindet – dem Bureau of Fearless Ideas. Das Schreib- und Kommunikationszentrum bietet gratis Nachhilfe, Schulbesuche, Ausflüge und zahlreiche erfahrungsbezogene Schreibworkshops an, deren Ergebnisse auch veröffentlicht werden. Die Workshops sind so aufgebaut, dass auch Schüler:innen mit eingeschränkten Englischkenntnissen teilnehmen können. Neben der Schreibförderung versucht die Organisation, Kinder aus verschiedensten Haushalten zusammenzubringen, um frühzeitig Vorurteilen entgegenzuwirken und Empathie und Verständnis zu schaffen.

Modewörter und andere Herausforderungen

Auf die Frage, welche Rolle Vielfalt in einer Organisation spielt, die das Ziel hat, Schüler:innen aus benachteiligten Haushalten zu helfen, von denen viele arm, of color oder Migrant:innen der ersten Generation sind, gibt der Leiter Andy Herbst eine interessante Antwort: Seiner Meinung nach ist „Vielfalt“ zu einem leeren Modewort geworden, weil die Frage „Welche Art von Vielfalt hilft unserer Organisation?“ oft mit „Wie können wir eine willkürliche Quote füllen?“ ersetzt wird.

IMG_20170523_115338Da viele der Schüler:innen am BFI ostafrikanische Wurzeln haben, wäre es sinnvoll, Menschen anzustellen, die selbst ostafrikanischer Herkunft sind. Zur Zeit sind allerdings die meisten Menschen, die ausgebildet und bereit sind, im Non-Profit-Bereich zu arbeiten, weiße Amerikaner:innen mit europäischen Wurzeln. Menschen aus Haushalten mit geringem Einkommen, welche in den USA überdurchschnittlich nicht weiß sind, streben nach dem College eher besser bezahlte Karrieren an (unter anderem, um die erdrückenden Kosten des College abzuarbeiten). Obwohl ich das Argument nachvollziehbar finde, denke ich, dass eine Belegschaft mit vielen verschiedenen Hintergründen – ob im Bereich Ausbildung, Herkunft, Kultur – immer von Vorteil ist, um Probleme kreativ zu lösen; und wenn man sich die Lebensläufe auf der Website anschaut, ist das beim BFI der Fall.

Die zunehmende Gentrifizierung Greenwoods ist eine Herausforderung für die Organisation: Viele der Menschen, für die sie arbeiten, können sich das Leben im Viertel nicht mehr leisten. Da immer mehr von ihnen weiter in den Süden der Stadt ziehen, möchte das BFI für sie durch eine weitere Anlaufstelle in First Hill zugänglich bleiben, die im Herbst 2017 öffnen soll.

Arbeit mit Worten

IMG_20170522_151555Während das BFI Kinder und Jugendliche beim Schreiben unterstützt, ist das Hugo House ein Anlaufpunkt für Menschen jeden Alters. Benannt nach Richard Hugo, einem Lyriker aus bescheidenen Verhältnissen, der weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde, beschreibt sich die Institution selbst als „einen Ort, um Worte zu lesen, Worte zu schreiben, und seine eigenen Worte zu verbessern“ (Übers. d. Autorin). Es gibt Lesungen, Schreibkurse für alle Altersgruppen und Genres, Plätze für Hausautor:innen und Stipendien. Die Made at Hugo House Fellowships werden jedes Jahr an vier bis sechs Autor:innen aus Seattle und Umgebung vergeben, um sie bei ihren Projekten mit gratis Kursen, regelmäßigen Treffen und dem Rat der jeweiligen Hausautor:innen zu unterstützen.

Am 26. Mai 2017 findet die Halbjahreslesung der Fellows 2016/17 statt. Die Gruppe besteht aus Lyrik- und Prosa-Autor:innen, weiblich, männlich, oder trans, unterschiedlich lang wohnhaft in Seattle, manche schon preisgekrönt, andere auf dem Weg dorthin. Gemeinsam ist allen, dass sie in ihren Werken Bezug auf ihr eigenes Leben nehmen, was den Ratschlag „Schreib über das, was du kennst“ bestätigt.

Welche Bedeutung tragen Orte?

Als ich das den Autorinnen Beryl Clark und Gabrielle Bates gegenüber anspreche, stimmen beide zu. Beryl Clark meint, dass die Arbeit an ihrem fiktionalisierten, genreübergreifenden Projekt Dust Mounthead ihr geholfen hat, ihre Kindheit und Jugend neu zu bewerten und besser zu verstehen. Obwohl Landschaft keine besondere Rolle in ihrer Arbeit spielt, bestätigt sie, dass die verschiedenen Landschaften, die sie bisher bewohnt hat, ihre Wahrnehmung der Umgebung prägen.

In den Arbeiten von Gabrielle Bates, die gern mit Genres experimentiert und dabei die Grenze zwischen Text und Bild überschreitet, sind die Einflüsse ihres eigenen Lebens schwerer zu finden, aber auch sie sagt, dass ihre Kindheit und Jugend in Alabama Symbolik und Thematik ihrer Werke inspirieren. Denn ein Ort ist immer mehr als auf den ersten Blick erkennbar, eine komplexe Mischung aus Landschaft, Kultur und Gefühl.

Selbst in einer Woche mit wenigen Veranstaltungen konnte ich in Seattle viele verschiedene Orte und Menschen besuchen, die mit Literatur und Schreiben in Verbindung stehen. Obwohl steigende Lebenshaltungskosten und Gentrifizierung den Zugang zum literarischen Leben der Stadt erschweren, tun die Institutionen ihr Bestes, um mit den Veränderungen mitzuhalten und ihre Dienste einer breiten Öffentlichkeit zu anzubieten.

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