Stimmen: Michelle Marie Wallace

Michelle Marie Wallace ist eine in San Francisco lebende Autorin, die sich in ihren fiktionalen wie nicht-fiktionalen Texten mit Themen wie Grenzen und Genesung beschäftigt. Ich hatte die Chance, sie gleich zweimal auf meiner Reise zu treffen: In San Francisco, wo sie die Borderlands Lectura mitorganisierte, und in Ciudad de México, wo sie 2016/17 für 13 Monate lebte. Lest eine ihrer Kurzgeschichten hier und einen Artikel über ihre Erfahrungen während des Erdbebens in Ciudad de México im September 2017 hier.

Michelle Wallace
© Brendan Kober

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Es gibt in meinem Leben keinen genauen Zeitpunkt, zu dem ich angefangen habe, mich fürs Schreiben zu interessieren; ich habe einfach immer gelesen und geschrieben. Als ich vier war, habe ich meine Mutter überredet mir beizubringen meinen Namen zu schreiben. Ich erinnere mich an das Gefühl schierer Ehrfurcht bei dem Gedanken daran, lesen zu lernen, und konnte kaum darauf warten, schreiben zu lernen. In der High School habe ich immer Tagebuch geführt, ohne genau zu wissen, was ich da eigentlich tat, aber ich habe die Seite immer in zwei Spalten unterteilt und auf der einen Seite die Dinge aufgeschrieben, die ich vorher festgelegt hatte und auf der anderen Seite alles, was mir beim Schreiben gerade einfiel. Das ging verloren, als ich wegen meiner Borreliose-Erkrankung mein Gedächtnis verlor – ich ging mir durch die Erkrankung selbst verloren, mit Ausnahme weniger entscheidender, grundlegender Teile, von denen einer das Schreiben war. Selbst als ich mich an die meisten Worte nicht mehr erinnern und nicht mehr lesen konnte, was ich geschrieben hatte, schrieb ich die ganze Zeit, um mich selbst zu bewahren. Ich dachte eigentlich nie, dass ich einmal so weit kommen könnte, meine Texte zu veröffentlichen; meinen Master in Kreativem Schreiben habe ich eigentlich nur gemacht, weil ich bei meiner Genesung auf einem Sechste-Klasse-Leseniveau geblieben war und wusste, dass mir zur Schule gehen immer gefallen hatte.

Gerade arbeitest du an einer Autobiographie über deine Erfahrungen mit Borreliose. Was interessiert dich an nicht-fiktionalen Texten?

Ich verliere mich gerne in einer guten Geschichte, egal, ob es sich um Fiktion, Biographie oder Journalismus handelt, so lange sie gut erzählt ist. Als ich anfing, Biographien zu lesen, fand ich allerdings besonders spannend, dass ich wusste, dass die Ereignisse im Buch tatsächlich vorher jemandem passiert waren, nämlich dem/der Autor/in. Dadurch konnte ich die Distanz beim Lesen fiktionaler Texte aufgeben, von der ich vorher gar nicht wusste, dass ich sie habe, und die Geschichte annehmen konnte als eine, die zuerst gelebt und dann geschrieben wurde. Mittlerweile spielt es aber keine Rolle mehr für mich, welchem Genre eine Geschichte zugeordnet wird; ich gerate so oder so in ihren Sog.

Als Autorin finde ich an Biographien spannend, dass der Schreibprozess dabei helfen kann, die schwierigen Zeiten des Lebens neu zu beleuchten, sie noch einmal zu betrachten und einen Weg zu finden, die Ereignisse in eine Erzählung zu organisieren, weil dieser Prozess sehr befreiend ist. Für mich fühlt es sich so an, als hätte ich beim Schreiben die Möglichkeit, meine Erlebnisse mit Sinn zu versehen und sie dann loszulassen. Es gibt einige Studien dazu, dass Schreiben über Traumata, Krankheit und Schmerz sich positiv auf die Gesundheit auswirkt. Die Biographie über meine Borreliose-Erkrankung und die anschließende Genesung ist ein schwieriger, aber auch glorreicher Prozess; ich kann spüren, wie ich dabei aus einer Vergangenheit herauswachse, die mich lange Zeit heruntergezogen hat.

Was ist das Besondere an der Literaturszene in der Bay Area?

Ich glaube das Besondere ist die wahnsinnige Vielfalt der Menschen hier. Es gibt Leute von überall auf der Welt, überall aus den USA und solche, die hier aufgewachsen sind, aber auch anderswo Wurzeln haben. Die Bay Area ist ein Knotenpunkt, ständig kommen und gehen Menschen und neue Ideen und Veranstaltungsorte und Gruppen und Organisationen tauchen auf. Es ist eine sehr lebendige Gegend und die Literaturszene spiegelt das wider.

Aber wirklich besonders an der Szene ist, dass es, wenn du eine Idee für eine Lesung oder eine Veröffentlichung hast oder etwas schreiben willst, eine beinahe endlose Zahl von Menschen und Orten und Organisationen gibt, die dich dabei unterstützen. Außerdem gehen auch Leute, die nicht schreiben, zu Literaturveranstaltungen. Und es gibt so viele verschiedene Organisationen, die Kindern beim Lesen und Schreiben helfen und Künstler/innen unterstützen oder Kollaborationen ausschreiben und Raum für unkonventionelle Kunstformen bieten.

Du hast eine Zeit lang die Borderlands Lectura organisiert, eine Lesereihe in der Buchhandlung Alley Cat mit Autor/innen, in deren Werken metaphorische und physische Grenzen eine zentrale Rolle spielen. Wie wichtig ist es, diese Stimmen im aktuellen politischen Klima der USA zu verstärken?

Die Borderlands Lectura habe ich zusammen mit Sara Campos gegründet und geleitet. Unser Plan war eine vierteljährliche Lesung mit Autor/innen und Künstler/innen, die sich mit der Grenze beschäftigen. Ich denke, dass es gerade jetzt besonders wichtig ist, die Stimmen hinter diesen Themen zu unterstützen. Der Dialog über Migration, Grenzen, Immigrant/innen und Sprache in den USA ist voller Lügen, übertrieben vereinfacht und voller Furcht, was Rassismus und Gewalt gegen Menschen in die Hände spielt. Natürlich ist es nicht damit getan, Künstler/innen zu unterstützen, aber ich hoffe und glaube, dass es ein Weg ist, zum Dialog beizutragen und durch Sprache Wahrheit, Nuancen und Schönheit zu vermitteln.

Sind manche deiner Texte von Orten oder mit ihnen verbundenen Geschichten inspiriert?

Meine Arbeiten sind immer stark mit Räumen verbunden, aber nicht unbedingt durch bestimmte Orte inspiriert. Meine Autobiographie bewegt sich durch viele Räume, die einmal mein Zuhause waren, meine Kurzgeschichtensammlung spielt an Orten, die ich kenne, hauptsächlich in San Francisco und anderen Teilen Kaliforniens, Mazatlán und Mexiko-Stadt. Mein Jugendbuch bewegt sich hin und her zwischen San Francisco und Shasta City.

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